Bei psychologischer und methodischer Betrachtung erweist sich Burnout als schwammiges Konstrukt.Therapeutische Maßnahmen sind bei Erleben von krisenhaften Zuständen und Erschöpfung jedoch unzweifelhaft indiziert.
Burnout ist nun schon seit Jahren ein allgegenwärtiges Thema mit großer Popularität. Die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Begriff verwendet wird, steht dem wissenschaftlichen Kenntnisstand zu diesem Thema beinahe diametral gegenüber. Bei aller Akzeptanz von Burnout als Erschöpfungsphänomen muss bei nüchterner Betrachtung Kritik am Umgang damit geübt werden.

Kritik an der Diagnose

Bekanntlich führen weder die ICD-10 der WHO noch das spezifischere DSM-IV der APA (American Psychiatric Association) Burnout als Diagnose. Und das aus guten Gründen. Da es kein einheitliches theoretisches Konzept für das Burnout-Syndrom gibt, können auch keine objektiven Diagnosekriterien existieren. Die meisten kursierenden Definitionen bestehen aus einer Beschreibung des Symptombildes, über das sich allerdings kritisch anmerken lässt, dass es in Summe eine verwirrende Heterogenität und sogar Widersprüchlichkeit aufweist.

Häufig berichtete Beschwerden sind bis dato nicht systematisiert oder durch repräsentative Arbeiten belegt. Den beobachteten Zustand der physischen und psychischen Erschöpfung, die mit einer zunehmenden Distanzierung der Betroffenen von ihren Klienten und verminderter Arbeitsleistung einherging, bezeichnete der Psychoanalytiker Freudenberger im Jahre 1974 als „burnout“. Noch heute liegt dieser breite und vage Erklärungsansatz vor, der Burnout als Kombination aus emotionaler Erschöpfung, Abnahme der Leistungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit sowie ablehnender bis zynischer Haltung gegenüber der Klientel, für die man arbeitet, sieht.

Unlösbares Dilemma.

Entgegen modernen Diagnosesystemen, die quasi erklärungsabstinent sind, werden beim Burnout-Konzept Symptomatik und Erklärung integriert, was vom Ansatz her Trennschärfe ausschließt und methodisch ein unlösbares Dilemma darstellt.

Gut 25 Jahre nach dem Beginn der Burnout-Forschung, die praktisch am Stand tritt, ist in erster Linie deutlich geworden, was wir alles nicht wissen. Auch die oft skizzierten Phasentheorien zur Burnout-Genese, die je nach Ansatz zwischen zwei und elf Phasen umfassen, sind bislang nicht nachgewiesen. Der ursprüngliche Bezug zum Arbeitsplatz bei helfenden und sozialen Berufen wurde längst ausgeweitet und damit die Komplexität des Phänomens noch erhöht.

Die üblicherweise verwendeten psychometrischen Instrumente (Burnout-Fragebogen) taugen wenig, sie korrelieren hoch mit Depressionsfragebögen, Stresssymptomlisten und Fragenbögen zur Arbeitszufriedenheit, weisen also mangelnde Konstruktvalidität auf; es besteht häufig ein zu enger Bezug zu „helfenden Berufen“, es liegen keine aussagekräftigen Normwerte vor, und damit besteht auch keine korrekte Möglichkeit zur bewertenden Interpretation der Ergebnisse.

Das Burnout-Konstrukt löst sich im Grunde in den bestehenden Konzepten von Depression, Stress, Emotionalität/Neurotizismus, Ängstlichkeit und Arbeitsunzufriedenheit auf. Die Zusammenhänge mit den Konstrukten Depression und Angst sind evident; gerade Burnout und Depression sind letztlich nicht scharf voneinander zu trennen, die Überschneidungen sind umso größer, je ausgeprägter die Symptomatik ist. Burnout wurde dementsprechend auch schon als Etikettenschwindel bezeichnet.

Die Verwendung als klinische Diagnose führt in eine diagnostische und therapeutische Sackgasse. Als formal korrekte, systemkonforme Diagnosekategorien bleiben solche aus den ICD-Subkapiteln der affektiven Störungen und der neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen. Ob derartige defizitorientierte Etikettierungen (Störungsdiagnosen) therapeutischen Nutzen bringen, ist eine andere Frage.

Unspezifische Stresserkrankung.

Die implizit vorausgesetzte Annahme, Burnout sei ein spezifisches und klar definiertes Krankheits- oder Störungsbild, ist also dezidiert falsch. Streng genommen lässt sich derzeit eine Burnout-Diagnose weder verifizieren noch falsifizieren. Am ehesten scheint es einen allgemeinen Konsens dahingehend zu geben, Burnout als psychosomatische Folgeerscheinungen von langfristig belastenden Stressoren mit dem Kardinalsymptom der Erschöpfung zu betrachten – also gewissermaßen als unspezifische Stresserkrankung. Individuell gesehen ist allerdings der subjektive Stress, d.h. die persönliche Stressreaktion auf den Stressor entscheidend. Erst wenn eigene Ressourcen und objektive Anforderungen nicht mehr zusammenpassen, ist eine aktive Bewältigung der Stresssituation nicht mehr möglich.

Nach M. Burisch wird Burnout durch Autonomieeinbußen in gestörten Auseinandersetzungen des Individuums mit seiner Umwelt in Gang gesetzt; die individuelle Handlungsregulation steht bei ihm im Vordergrund. Erschöpfung kann natürlich auch als Alltagsphänomen gesehen werden – ohne pathologische Bedeutung. Wenn schon bei vergleichsweise geringgradigen psychischen Belastungsreaktionen bzw. Erschöpfungssymptomen, die im Alltag immer wieder mal vorkommen können, ein beginnendes Burnout beklagt wird, dann ist auch ein sogenannter sekundärer Krankheitsgewinn, der jedoch keinesfalls bewusst bzw. intentional wirken muss und daher nicht dem Betroffenen als Schuld anzulasten ist, ins diagnostische (und besonders ins therapeutische) Kalkül zu ziehen.

Populär und attraktiv

Betroffene ernten bei der Erwähnung von Burnout eher verständnisvolle Anerkennung von ihrem sozialen Umfeld, berichten sie hingegen, sie hätten eine Depression, ziehen sich die Menschen in ihrer Umgebung eher zurück. Während der Depression etwas Selbstverschuldetes anhaftet, trägt beim Burnout das System die Schuld. Außerdem mag es so manchen mit ein wenig Stolz erfüllen, sich für den Arbeitgeber aufgeopfert zu haben.

Von den Betroffenen wird Burnout wie eine Krankheit erlebt, ohne dass jedoch damit das Stigma des psychisch Kranken verbunden ist. Wer im Burnout ist, ist zwar in gewisser Weise gescheitert, doch ohne eigene Schuld, er gilt im Gegenteil als besonders leistungsorientiert.

Bedrohtes Individuum.

Als subjektives Krankheitsmodell erleichtert das verbreitete Burnout-Verständnis Menschen, ihre eigene Problematik zu reflektieren, zu kommunizieren und auch Hilfe zu suchen. Zunehmend mehr Menschen werden durch Burnout vom unendlichen Druck des Erfolges und auch der Selbstverwirklichung erlöst – wohl ein Auswuchs unserer betont leistungsorientierten und reichen Gesellschaft. So haben Experten schon formuliert: „Burnout ist die intelligente, das System entwaffnende Antwort des bedrohten Individuums auf die Zumutungender Dienst-Leistungs-Gesellschaft“ (A. Hillert, M. Marwitz).

Medien greifen die angeblich hohe Erkrankungsrate gerne auf und nutzen den Wiedererkennungswert von Burnout, um daraus immer wieder Schlagzeilen zu machen und sich dadurch mit einer großen Gruppe von Erwerbstätigen, die sich stark fremdbestimmt fühlt, gesundheitsbewusst zu solidarisieren.

Kommunikationsmedium.

Nicht nur Begriffe wie Glaube und Liebe, sondern auch solche wie Midlife-Crisis und Burnout werden von fast jedem intuitiv verstanden und können zugleich von jedem mit individueller Bedeutung und Erleben gefüllt werden. Wie ausgewiesene Experten meinen, liegt der eigentliche Wert des Begriffes Burnout also in seiner Funktion als generalisiertes Kommunikationsmedium und nicht in seinem exakten Inhalt. Burnout ist demnach ein vielseitig einsetzbares und damit höchst erfolgreiches sprachliches Instrument, das dem Erleben und Kommunikationsbedürfnis vieler Menschen in hohem Maße entspricht. Es ist geeignet, persönliches Leiden – insbesondere im Bereich der Arbeitswelt – zum Ausdruck zu bringen.

Unverzichtbarer Begriff.

Es geht in der Gesamtbetrachtung gar nicht darum, Burnout an eine wissenschaftliche Definition zu binden, sondern um die Klarheit, dass es ein Begriff ist, der ein vitales Kommunikationsbedürfnis über das Befinden befriedigt.

Auch wenn also Burnout als Diagnose eher ein Etikettenschwindel und unbrauchbar ist, scheint der Begriff doch gesellschaftlich bezeichnend und unverzichtbar zu sein – und auch Experten müssen in diesem sozialen Kontext überleben und wollen gut leben. Es erscheint daher wenig sinnvoll, sich für einen klinischen Status von Burnout einzusetzen, sondern es nicht pathologisierend als allgemeinpsychologisches Phänomen zu belassen, um Raum für spezifische Implikationen im normalen Alltag zu schaffen.

Ernstzunehmendes Phänomen

Unbestritten ist der Umstand, dass der Druck auf die Arbeitnehmenden massiv gestiegen ist und die Belastung der Arbeitswelt ein ernstes Problem darstellt. Das Phänomen Burnout spiegelt teilweise diese Problematik wider. Es lohnt sich im gegebenen Fall immer, Zeit für die Exploration aller möglichen Burnout-Ursachen zu investieren, nämlich die persönlichen Prädispositionen, die objektive Arbeitssituation und ihr subjektives Erleben sowie die allgemeine Lebensgestaltung.

Therapeutisch intervenieren.

Ungeachtet der Vorbehalte hinsichtlich der diagnostischen Verwendung des Burnout-Begriffs und der Frage der Ursachen ist bei Vorliegen eines entsprechenden Beschwerdebildes, das sich im Wesentlichen im Erleben von Erschöpfung und Krise zeigen mag und das Bedürfnisse ausdrückt, und gleichzeitigem Leidensdruck therapeutisch zu intervenieren. Nicht die Diagnose, sondern der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Denn „wenn ein Kamel, welches mit einer Karawane durch die Wüste geht, unter einer Last zusammenbricht, ist es müßig zu fragen, ob das Kamel zu schwach oder die Last zu schwer war. Die einzig ‚korrekte‘ Aussage dazu ist: Diese Last war für das Kamel zu schwer“ (M. Burisch).

Bewährt haben sich in der Therapie bislang Psychoedukation, kognitive Verhaltenstherapie mit Techniken zur Einstellungs- und Verhaltensmodifikation, hypnotherapeutische Interventionen, psychohygienische Maßnahmen (wie Entspannungsübungen, Verbessern der Emotionsregulation, Erlernen von Stressbewältigungstechniken, Förderung der sozialen Kompetenz), Skillstraining (Zeitmanagement, Kommunikationstraining, Konfliktmanagement, Verhandlungstechniken), eventuell Pharmakotherapie (SSRI) und – sofern möglich – Änderungen in der Arbeitsorganisation.

Autor: Dr. Jürgen Lesky

Klinischer Psychologe, Psychotherapeut Rehabilitationsklinik der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA), Tobelbad

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Basisliteratur: Hillert, A. & Marwitz M. Die Burnout-Epidemie. 2006, Beck Verlag, München Hillert, A. & Marwitz M. Burnout: Eine kritische Analyse mit therapeutischen Implikationen. Ärztliche Psychotherapie und Psychosomatische Medizin 2008;3(4):235–241 Burisch, M. Das Burnout-Syndrom. 2006, Springer Verlag, Heidelberg Brühlmann, T. Was ist Burnout? Praxis 2007;96(22):901–905 Rösing, I. Ist die Burnout-Forschung ausgebrannt? 2008, Verlag Asanger
 
Quelle: © MMA 2010, ärztemagazin 7/2010

Fazit

Burnout erweist sich bei psychologischer und methodischer Betrachtung als ein äußerst schwammiges Konstrukt. Eine hypothetische Ätiologie, Dauerstress durch hohe (berufliche) Anforderungen bzw. Überforderung und eine vage, phänomenologisch nicht von Depressivität trennbare Symptomatik werden miteinander verbunden. Während somit aus Expertensicht auf diesen Begriff verzichtet werden könnte, scheint er dahingegen gesellschaftlich derzeit unverzichtbar zu sein. Der „Erfolg“ von Burnout beruht nicht auf irgendeinem wissenschaftlichen Konzept, sondern vielmehr bietet der Begriff eine attraktive Projektionsfläche für ideologische und gesellschaftliche sowie individuelle Defizite und Bedürfnisse. Liegt bei Personen leidvolles Erleben von krisenhaften Zuständen und Erschöpfung vor, dann sind therapeutische Maßnahmen unzweifelhaft indiziert.
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